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Forschungsreise nach Cochamó - Chile: Erfahrungsbericht
Cochamo, 17.08.2026
Motivation und Zielsetzung
Das Cochamó-Tal in Nordpatagonien bietet ein außergewöhnlich hohes Forschungspotenzial und gilt als eines der eindrucksvollsten Klettergebiete weltweit. Gerade im Spannungsfeld von Besucherlenkung, Naturschutz, nachhaltigem Tourismus und der Entwicklung des Klettersports eröffnet das Gebiet einen nahezu idealen Rahmen für eine Feldstudie. Trotz seiner wachsenden internationalen Bekanntheit ist das Cochamó-Tal bislang wissenschaftlich kaum untersucht, was die Relevanz und den Erkenntniswert unserer Arbeit zusätzlich unterstreicht.
Ziel unserer zweimonatigen Forschungsreise war es, Einblicke in die Nutzung des Tals durch Besucher*innen zu gewinnen, ihr Verhalten im Kontext von „Leave No Trace“ zu analysieren sowie erste ökologische Datengrundlagen zur Vegetation zu erfassen. Darüber hinaus wollten wir bestehende Netzwerke stärken und neue Kooperationen aufbauen.
Vorbereitung und Organisation
Der Zugang zu diesem besonderen Forschungsthema entstand über persönliche Kontakte aus der Kletterszene. Nach einer ersten Erkundung im Jahr zuvor gelang der Austausch mit Tommy Caldwell (weltbekannter Kletterer und Patagonia Ambassador), über den wir schließlich mit Patagonia Chile und der Organisation Puelo Patagonia in Kontakt kamen. Diese Verbindungen erwiesen sich als zentral für die Umsetzung unseres Projekts vor Ort.
Finanzielle Unterstützung wurde durch verschiedene Förderprogramme eingeworben, darunter danken wir herzlich der Graduate School sowie der Fakultät für Biologie, Chemie und Geowissenschaften. Parallel dazu erfolgten die inhaltliche Vorbereitung, Literaturrecherche und der Aufbau eines wissenschaftlichen Austauschs mit der Universidad Austral de Chile.
Reiseverlauf
Unser Aufenthalt in Südamerika erstreckte sich vom 1. Januar bis Mitte März 2026. Die Datenerhebung für die Besucherbefragung im Cochamó-Tal fand im Zeitraum vom 22. Januar bis zum 5. März statt.
Die Reise begann in Santiago de Chile, wo wir die ersten zwei Tage mit organisatorischen Aufgaben und dem Einkauf wichtiger Ausrüstung verbrachten. Um einen Inlandsflug zu vermeiden, entschieden wir uns anschließend für eine Busfahrt nach Puerto Varas. Die Fahrt mit einem Nachtbus erwies sich als überraschend komfortabel, kostengünstig und zuverlässig – eine nachhaltigere Alternative, die sich bewährt hat.
In Puerto Varas verbrachten wir weitere zwei Tage mit intensiver Vorbereitung. Da es im Cochamó-Tal weder stabile Stromversorgung noch Mobilfunkempfang gibt, mussten wir sämtliche Materialien im Voraus organisieren, auch ein Starlink und Solarpanel waren letztendlich im Gepäck. Ebenso gehörte dazu das Drucken unserer Fragebögen, den wir, wie vor Ort anscheinend üblich, in einem privaten Haushalt („Copyshop“) abholten. Großeinkäufe von Lebensmitteln und Gas waren essenziell, um für mehrere Wochen im Tal autark zu sein und arbeiten zu können.
Forschungsarbeit im Cochamó-Tal
Nach unserer Ankunft im Tal standen zunächst das Erkunden der Umgebung sowie der Aufbau von Kontakten, Austausch mit lokalen Akteur*innen und Forscher*innen im Vordergrund. Die Arbeit vor Ort gliederte sich in zwei Hauptbereiche: ökologische Erhebungen und sozialwissenschaftliche Datenerhebung.
Vegetationsanalysen
Zur ersten ökologischen Bestandsaufnahme legten wir acht Vegetationsplots mit jeweils 10 × 10 Metern an. Innerhalb dieser Flächen versuchten wir, die vorhandenen Pflanzen- und Baumarten möglichst umfassend zu bestimmen. Dabei griffen wir, neben der wenigen für das Gebiet verfügbaren Literatur, auf digitale Bestimmungshilfen wie Flora Incognita, iNaturalist und PlantNet zurück. Durch ein Solarpanel und Starlink stand uns recht zuverlässig Internet an unserem Outdoor-Arbeitsplatz zur Verfügung. Auch wenn nicht alle Arten zweifelsfrei identifiziert werden konnten, entstand so eine wertvolle Artenliste als Grundlage für weiterführende Analysen. Auch MIREN Analysen wurden in diesem Jahr zum ersten Mal durchgeführt. Bei dem Forschungsprojekt MIREN wird Biodiversität am Kletterfels und der Einfluss des Kletterns in verschiedenen Gebieten weltweit aufgenommen und untersucht. Die Vorbereitungen dazu konnten wir begleiten und Felipe Morales-Armijo, einen bekannten chilenischen Forscher im Bereich der Felsökologie persönlich kennenlernen.
Besucherbefragung
Zentraler Bestandteil unserer Forschung war eine standardisierte Umfrage unter Besucher*innen des Tals. Insgesamt konnten wir Daten von 226 Personen erfassen. Die Befragung umfasste Themen wie:
- Aufenthalt und Nutzung des Tals
- Wahrnehmung, Erfahrungen und Beobachtungen des Gebiets
- Einstellungen zu Naturschutz und nachhaltigem Verhalten
- Umsetzung von „Leave No Trace“-Prinzipien
- Ideen und Wünsche für die zukünftige Entwicklung des Tals
Die Ergebnisse geben wichtige Hinweise darauf, inwieweit bestehende Maßnahmen zur Besucherlenkung bereits greifen und wo weiterer Handlungsbedarf besteht. Aspekte wie Müllvermeidung, Schutz der Wasserressourcen und Erhalt intakter Ökosysteme spielen bereits eine wichtige Rolle in der Kommunikation vor Ort.
Austausch und Vernetzung
Ein besonders wertvoller Teil der Reise war der intensive Austausch mit lokalen Akteur*innen und Wissenschaftler*innen. Die Zusammenarbeit mit Puelo Patagonia sowie Gespräche mit dem Conservation Manager Guillermo Sapaj, der über viele Jahre für Rewilding Chile gearbeitet hat, gaben tiefe Einblicke in bestehende Naturschutzstrategien. Dabei wurde deutlich, wie zentral partizipative Ansätze, Eigenverantwortung und gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse für den langfristigen Schutz des Gebiets sein werden.
Zusätzlich erkundeten wir weitere Täler in der Umgebung von Cochamó, um ein besseres Verständnis für die regionale Landschaft und mögliche Erweiterungen des Untersuchungsraums zu gewinnen.
Ausblick
Die Forschungsreise hat nicht nur wertvolle Daten geliefert, sondern auch das große Potenzial für zukünftige Arbeiten im Cochamó-Tal aufgezeigt. Insbesondere im Bereich der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Ökologie, Sozialwissenschaften und Outdoor-Sport bestehen zahlreiche Anknüpfungspunkte.
Konkrete Folgeprojekte sind derzeit noch in der Entwicklung, doch erste Ideen und Kontakte sind bereits vorhanden. Die begonnene Kollaboration mit lokalen und internationalen Partner*innen soll in jedem Fall weitergeführt werden. Ein ganz besonderer Dank geht nochmal an die Organisation Puelo Patagonia, und alle Teilnehmenden der Umfrage.
Vollständige Galerie der Reise nach Patagonien:
https://urs-naturfoto.de/naturfotografie/nggallery/reisen/patagonien/page/1